DIE ZEIT, 2019/20

Gedanken über die Zeit und das Leben

Nadja, 37

„…an diesem musikbetonten Gymnasium fing ich im Februar 2009 als Referendarin an. Ich fühle mich hier wohl. 
Im Laufe der Jahre und meiner Arbeit an der Schule ist in meinem Leben einiges passiert: ich bin Ehefrau und Mutter von Zwillingen geworden, dann examinierte Lehrerin und darauf erneut Mutter. 
Die Schule hat mich in diesen intensiven Lebensabschnitten begleitet. Ich fühle mich ihr, den Kollegen, Schülern und Eltern wahrscheinlich auch deshalb so sehr verbunden, weil ich mich selbst in dieser Zeit so sehr entwickelt habe.

Eigentlich habe ich immer gemacht was ICH wollte. Wenn aber Familie da ist, handelt man plötzlich im Sinne der Familie. Hätte ich also keine Kinder, wäre  ich als geborene Berlinerin wahrscheinlich niemals  aufs Land gezogen.
Der Gedanke des Umzugs ist langsam in mir gereift. Es war ebenso ein Prozess, wie das Lehrer- oder Mutterwerden.

Viele wundern sich, dass wir jetzt wegziehen. Guter Arbeitsplatz, Großeltern in der Nähe, Wohnung direkt am Alex, tolle Kita, die Freunde. 
Werden wir Anschluss finden am neuen Ort? Werden wir uns dort wohlfühlen? Wird einem die Anonymität der Stadt fehlen? Wie wird die neue Schule? Unendliche offene Fragen.

Eine Sache habe ich in den letzten Jahren immer wieder erlebt: Es muss wohl nicht alles sofort passieren. Die Zeit ist da, und man kann eh nichts beschleunigen. Und irgendwie, mit etwas zutun, fügt sich alles.

Mein Trauspruch bei der Eheschließung war: „Alles hat seine Zeit“. Man kann es auf viele Weisen interpretieren. Auch: man soll nicht enttäuscht sein, wenn etwas nicht sofort passiert oder nicht so, wie man es sich jetzt wünscht.

Mit der Familie kann ich nun gemeinsam etwas entwickeln. Und so sagte ich also als die Zeit reif war: „Kommt, das probieren wir jetzt aus und ziehen von Berlin aufs Land!“ 

10 Jahre bin ich an dieser Schule. 37 Jahre Berlinerin. 15 Jahre Partnerin. 9 Jahre Mutter. Und nun ist die Zeit gekommen: Heute ist mein letzter Tag hier.“

Stacki, 34

Ida, 35

„Ich habe nicht das Gefühl, dass die Zeit ein Synonym für das Leben ist. Ich sehe die Zeit eher wie ein Kontinuum. Ich fühle, dass es nicht viel Zeit für uns alle übrig ist. Wir können nicht so weiter machen. So ein Leben gibt es nicht lange, wenn es weiter so geht und wir nichts ändern.

Die Phasen in meinem Leben haben mit meinen Kindern zu tun. Und jeden Tag bin ich überrascht, dass ich jetzt mitten in meinem Leben stehe, aber eigentlich fühle ich mich genauso wie mit 18. Ich verstehe jetzt eigentlich nicht mehr als mit 18 Jahren. Was jetzt passiert- ich fühle mich viel stärker, aber nicht viel klüger.

Ich habe weniger Zeit sich um mich selbst zu kümmern, ich kümmere mich jetzt um die anderen. Es ist eine Erleichterung.

Ich denke mit 40, 50, 60 – wird es körperlich ein anderes Gefühl sein, aber in meinem Kopf wird es gleich bleiben.“

Magda, 41

„…Ich denke, es gibt zwei Bewegungen in der Zeit. Ein mal die horizontale Bewegung und einmal die vertikale Bewegung – in die Tiefe, in die Gegenwärtigkeit, in den Augenblick hinein.

Der Weg zu sich selbst, zum „authentisch sein“. Nicht den Erwartungen der anderen entsprechen zu wollen ist sehr befreiend
„Die Zeit in der Tiefe“ verlangsamt vieles und fokussiert einen auf das Wesentliche. Um es zu erfahren, musste ich mich mit dem Thema Zeit und Vergänglichkeit intensiv befassen…“

Lea, 37

„Ich lebe in einer kleinen 30m2-Wohnung mit viele Dingen, persönlichen und Arbeitsdingen.
Ich richte meine persönlichen Dinge von A nach B in unterschiedlichen Konstellationen. Mit den Arbeitsdingen arbeite ich und richte sie von A nach B in unterschiedlichen Konstellationen.

Dinge bestimmen meine Zeit und meinen Raum, zusammen mit Menschen.

Als ich die Asche von meinem Vater in meine Hände genommen habe, wurde mir sehr klar, dass Materie lebt. 

Könnte ich Naturgesetze ändern, hatte ich das Ding, das einmal mein Vater war, ewig in meinen zwei Händen behalten.

Ich habe das Ding losgelassen und es hat sich magischerweise verwandelt in einen Geist der zwischen uns, die wir ihn lieben, lebt –  für einen Zeitraum, für die Ewigkeit. „

Julia, 40

“Man sagt, man hat keine Zeit. Aber es ist eh die Frage die Zeit für was?! Denn die Zeit ist immer da. 
Zeit Ist eine Illusion. Das haben wir uns, Menschen, ausgedacht. Sekunden, Minuten- die gibt es nicht wirklich. Ich habe eine Katze und ich lasse sie mal raus aus der Wohnung laufen. Und manche sagen, sie kann doch überfahren werden, es ist zu gefährlich. Aber ich denke, es ist nur für uns Menschen- schlimm, wenn das Leben endet. Weil wir dieses Konzept von der Zeit haben. Lebenszeit. Für die Katze ist es viel schöner Mal draußen zu sein, als in der Sicherheit zu Hause bleiben.

Ich glaube, die Dinge immer zu einem richtigen Zeitpunkt passieren. Wen man kennenlernt, was mit uns passiert, das alles hängt davon ab an welchem Zeitpunkt wir uns befinden. Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend. Es ist krass, aber es ist mit allen Sachen so.

Wenn Du zu einem richtigen Zeitpunkt ein Angebot kriegst – es ist leicht sich zu entscheiden. Es ist wichtig zu sehen, was gerade dran ist, dann ist es leicht. Das ist die Kunst. Es gibt immer Probleme und Leid, wenn man Dinge erzwingen versucht, die gerade nicht dran sind.

Viele Leute denken, sie müssen viel machen, aber es wird nicht viel damit beeinflusst. Don’t push the river. It’s flowing.

Beobachten, Energie sammeln und in dem richtigen Moment sich bewegen. Als Fotograf, wartest Du auch auf dem richtigen Moment um ein Foto zu machen.
Nicht so viel hinterfragen; mehr im Moment mit sich selbst sein – da erkennt man auch welche Sachen für Dich wichtig sind.“

Regina, 46

“ … Zeit – man hat immer zu wenig davon.

Mir wird immer bewusster wie kostbar die Zeit mit der Familie ist. Unsere Tochter ist jetzt schon 12 und ich frage mich – wo ist die Zeit geblieben?

Man ist immer in Eile. Es ist schwer zur Ruhe zu kommen und die Zeit zu geniessen. Diesen Sommer haben wir uns für unsere Verhältnisse viel Urlaub genommen und uns so entschleunigt, dass wir zunächst erstmal Probleme hatten wieder in Schwung zu kommen. Der Alltag erlaubt Dir nicht entschleunigt zu bleiben. Dafür suche ich mir kleine Oasen beim Yoga oder am Wochenende mit der family mal einfach zuhause dem Nichtstun zu frönen.

In meinem Elternhaus habe ich gelernt im Augenblick zu leben. Meine Eltern haben mir immer das Gefühl gegeben, dass sie mich lieben so wie ich bin. Sie haben keinen Druck ausgeübt. Wenn wir mal mit einer schlechte Note nach Hause kamen haben meine Brüder und ich zum Trost etwas bekommen – natürlich nur wenn wir gelernt hatten. Gute Noten waren schon Belohnung genug. 
Auch bei meiner Berufswahl haben Sie mir alle Freiheiten gelassen und mich in all meinen Vorhaben unterstützt.“

Johanna, 41

Maryna, 36

“… Meine Mama hat mir immer gesagt: „Maryna, lebe Heute!“. So lebe ich in Heute. Ich bin immer im „jetzt“. Ich weiß nicht mal was wir heute Abend essen… ich weiß nur, dass man genießen muss, man muss vom Leben das Positive nehmen.

Man soll keine Fragen stellen. Keine Panik Attacken: „Was wird passieren?!“ – “ Alles wird gut!“

Ich liebe es meine eigene Welt zu haben. Die Tür von meinem Atelier zu schließen und mit mir allein zu sein.

Ich kann über mich sagen: Ich bin ein glücklicher Mensch, weil ich nicht am Rad drehe.

Alles wird so wie es sein muss. “

Emita, 36

„Ich hatte früher das Gefühl, dass ich die Dinge einfach wiederholen kann. Noch mal machen. Jetzt merke ich, dass ich das doch nicht kann. Und so vergeht die Zeit und ich habe beruflich immer noch nichts gemacht womit ich richtig zufrieden bin. 

Am glücklichsten bin ich wenn ich etwas Konkretes mache. Ich habe ein Praktikum bei einem Ziegen/ Schafhof gemacht, wo wir Käse hergestellt haben. Ich habe etwas selbst, mit meinen Händen, vom Melken bis zum Käsen, produziert, da war ich sehr zufrieden.“

Kristine, 39

„Für mich ist die Erklärung der Zeit sehr einfach- es ist das Wertvollste was wir im Leben haben.

Zeit kann man nicht zurückkehren. 

Je älter wir werden, desto mehr schätzen wir unsere Zeit. Früher habe ich die Vergänglichkeit der Zeit nicht so gespürt. Ich denke es ist auch mit dem Tod von meinem Papa verbunden. Es scheint mir, erst vor kurzem saßen wir noch zusammen und haben mit einander geredet und jetzt gibt es ihn nicht mehr.

Die Zeit geht nach vorne und stoppt nie; auch wenn Du nicht mehr da bist, wird es weiter gehen.

In Indien glauben die Leute, dass Leben auf der Erde nur ein ganz kurzer Abschnitt der Existenzzeit ist. Es ist nur eine Form des Lebens.

Was mich in Indien sehr beeindruckt hat, dass die Leute gar keine Angst vor dem Tod haben. Sie glauben so sehr daran, dass sie wiedergeboren werden, dass sie oft auch kein Ziel im Leben haben und sind dadurch sehr entspannt.

Für ein Inder ist die Verbundenheit mit der Natur das Wichtigste. Der Körper und die Seele werden als ein Teil der Natur wahrgenommen.“

Inga, 46

„Manchmal bin ich noch in meiner alten Schiene und glaube alles ist wahnsinnig kompliziert, aber dann denke ich an nächste Woche (Hochzeit) und freue mich einfach.

Zeit ist so abstrakt, das Wort das ich eben gesagt habe ist jetzt schon Vergangenheit…

Ich hatte sehr lange nicht das Gefühl zu den Erwachsenen zu gehören. Aber eigentlich weiss ich gar nicht so genau was es bedeutet erwachsen zu sein? ich habe keine Festanstellung und keine Kinder und in der Familie war ich immer die „Kleine“. Ich glaube abseits von dem, habe ich mein eigenes Erwachsensein gefunden und das ist halt anders als z.B. das meiner Eltern.

Mein Vater sagt immer „überleg es dir gut“. Vielleicht ist das auch mein Thema, Entscheidungen treffen, ich muss immer sehr lange überlegen… Ich wäre gern ein Mensch, der schnell eine Entscheidung trifft.

Trotzdem habe ich eigentlich keine große Angst mehr Fehler zu machen und vertraue mehr meinem Bachgefühl.

Genießen verbinde ich heute mit so viel mehr Sachen als früher, mir gelingt es jetzt besser den Moment zu geniessen, ich versuche zumindest mich oft daran zu erinnern…

Früher dachte ich alles steht und fällt mit meinem beruflichen Erfolg, ich dachte ich muss mich als Künstlerin finden. Aber jetzt kann ich auch sagen „vielleicht bin ich keine Künstlerin“, das gibt mir viel mehr Freiheit und ich ordne mich nicht so ein. Das ich jetzt lockerer geworden bin hat auch mit meiner Beziehung zu tun, die hat mir viel Druck vom beruflichen genommen und so eine Ruhe in mein Leben gebracht.

Manchmal glaube die Leute mit Festanstellungen haben diese ganzen Zweifel nicht und dann möchte ich auch einen „richtigen“ Job. Wahrscheinlich stimmt das aber nicht…ich bin halt auch ein Kind der Generation der vielen Möglichkeiten.“